Über 900 000 Flüchtlinge kehrten nach Afghanistan zurück


Geschäfte machen in Afghanistan?

  06.06.2002 Deutscher Welle

 

Regierungschef Karzai und der Wiederaufbauminister Fahang Afghanistans, wollen Privatfirmen an den Hindukusch holen.

In der kommenden Woche beginnt in Kabul die Loya Jirga, die große Stammesversammlung. Im Vorfeld der Konferenz wirbt die afghanische Regierung für internationale Investitionen, aber die private Unternehmer verhalten sich noch abwartend.

Afghanistan setzt große Hoffnung in ausländische Privatinvestoren. Nur so kann das Land unabhängig werden von der Hilfe der Weltgemeinschaft. Ein Gesetz zur Förderung von Privatinvestitionen ist bereist verabschiedet worden. Über 50 Anträge auf Privatinvestitionen sind bislang beim Ministerium für Weideraufbau eingegangen. 10 bis 15 Jahre Steuerfreiheit, Zollfreiheit, Grundstücke für Industrieansiedlung, Gewinne könne wieder reinvestiert werden: mit diesen Argumenten wirbt die Afghanische Regierung derzeit in Kabul auf einer internationalen Investoren-Konferenz für den Standort Afghanistan.
Vom Ausgang der Loya Jirga, die vom 6. bis zum 22. Juni in Kabul stattfinden wird, hängen die weiteren Entscheidungen potentieller Investoren ab.
Ein erstes Projekt ist bereits auf den Weg gebracht: Afghanistan, Pakistan und Turkmenistan haben Ende Mai ein Abkommen zum Bau einer 2,5 Milliarden Dollar (2,75 Mrd Euro) teuren Gas-Pipeline unterzeichnet. Der größte Teil der Leitung soll durch Afghanistan führen.

 

Kabul zwischen Aufbruch und Stagnation
Ein Zelt für die Ratsversammlung
31.05.2002 Berlin Online

 

Olivia Schoeller

Viktor Trojanow hebt seine Hände gegen den Himmel und sagt laut: "Danke, danke, danke, darauf haben wir seit Wochen gewartet." Es regnet in Kabul. Das Gelände der Polytechnischen Universität steht unter Wasser und Viktor Trojanow freut sich wie ein kleines Kind. Seit drei Monaten arbeitet der Bauleiter der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) an der Vorbereitung für die Loya Jirga, die große Ratsversammlung, die vom 10. Juni an über die Zukunft Afghanistans beraten soll. Um die 1 500 Delegierten unterzubringen, musste die GTZ "Tag und Nacht" arbeiten, wie GTZ-Chef H. Tabatabai sagte.

Experten aus Deutschland stellten zusammen mit rund 200 lokalen Arbeitskräften und der Unterstützung der Internationalen Sicherheitstruppe für Afghanistan (Isaf) das 2 800 Quadratmeter große Beratungszelt auf. Außerdem mussten die Sanitäranlage, offene Kochstellen, die runde Mensa und die Studentenwohnheime des in den Vorjahren zerstörten Politechnikums hergerichtet werden. Nun, nach dem Regen, werden auf dem Gelände sogar die Blumen wachsen.Tausende von Menschen in Kabul fiebern seit Tagen dem Beginn der großen Ratsversammlung entgegen. Mit der Loya Jirga, so die allgemeine Meinung, wird alles anders. Offiziell soll die Versammlung fünf Tage dauern und sich auf eine neue Verfassung und eine neue Übergangsregierung einigen. Ob dies gelingt, ist allerdings offen. Ebenso wie die Frage, ob der Chef der bisherigen Übergangsregierung, Hamid Karsai, und alle seine 29 Minister im Amt bleiben.

Gerade deshalb entwickeln viele der Ministerien in den letzten Tagen vor der Ratsversammlung eine rege Tätigkeit. Mit Hilfe der ILO, der UN-Arbeitsorganisation, hat zum Beispiel das Arbeitsministerium ein Computerzentrum eingerichtet, andere Ministerien bieten Englisch-Kurse an und im Frauenministerium fand eine Frauenkonferenz statt. Zwei Tage lang erinnerten sich rund 250 Frauen an die Taliban-Zeit und diskutierten über den Islam, den Schleier und welche Rolle sie in Zukunft in der afghanischen Gesellschaft spielen können. "Es ist der erste öffentliche Auftritt der Frauen seit Jahren", sagt Michael Pohly, der örtliche Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Früher, so meint Pohly, hätten diese Frauen im Jihad gegen die Russen gekämpft und sogar eigene bewaffnete Einheiten geführt. Kurz vor der Loya Jirga wollten sie nach Jahren der Ausgeschlossenheit auch wieder politisch aktiv werden.

Diese Frauen sind nicht die Einzigen, die kurz vor der Ratsversammlung ihre Ziele deutlich formulieren. Auch viele ausländische Firmen und Hunderte von Hilfsorganisationen haben Afghanistan als Markt entdeckt und versuchen ihren Einfluss zu sichern. Die weißen UN-Jeeps mit ihren verdunkelten Scheiben und meterhohen Funkantennen prägen mittlerweile das Straßenbild Kabuls ebenso sehr wie die Geländewagen der Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). Sie parken vor den wenigen Restaurants, in denen Ausländer essen, oder halten vor den Regierungsgebäuden. Für kleinere NGOs, die bereits seit Jahren in Afghanistan aktiv sind, bringt die Präsenz so vieler Ausländer große Probleme. Es heißt, sie müssten ihre Büros schließen, weil sie die ständig steigenden Mieten nicht zahlen können.

Auch fünf Monate nach dem Sturz der Taliban tragen die meisten Kabulerinnen noch immer die Burka. Müll liegt auf den Straßen und in einigen Teilen der zerstörten Altstadt brennen Nase und Augen vom Gestank nach Kloake. Männer, Frauen und Kinder, die meisten von ihnen Flüchtlinge, leben in Ruinen, ohne Strom, ohne Wasser. Inmitten dieses Elends aber entsteht auch Neues. So wie das hamam sahrarai. Vor drei Monaten hat die 19-jährige Amynar die Badestätte für Frauen, die seit Jahrzehnten im Besitz ihrer Familie ist und unter den Taliban geschlossen war, wieder eröffnet.

Wirklich gewandelt seit Eintreffen der Isaf im Dezember hat sich die Sicherheitslage. Wurden zu Jahresbeginn noch 40 Morde pro Nacht gezählt, so sind es jetzt noch vier. "Heute", sagt Brigadegeneral Carl-Hubertus von Butler, "werden in Kabul weniger Menschen ermordet als in New York." Tag und Nacht patrouillieren Isaf-Soldaten durch die afghanische Hauptstadt. Auch die Loya Jirga wird unter anderem von Isaf-Soldaten gesichert. Auf dem eigentlichen Gelände übernimmt das erste Bataillon der afghanischen Nationalgarde die Überwachung.

Ein Gelingen der Loya Jirga können die Soldaten aber auch nicht garantieren. Am Mittwoch meldete das afghanische Fernsehen, acht Delegierte seien ermordet worden. Auch wurden Unregelmäßigkeiten bei den Delegiertenwahlen gemeldet. So sollen mehrere Wähler in verschiedenen Wahlkreisen ihre Stimme abgegeben haben.


Siemens bekommt Zuschlag in Afghanistan

Der Münchner Konzern soll das Kommunikationssystem in dem zerstörten Land aufbauen

 

04.06.2002

Berliner Zeitung

Der deutsche Technologiekonzern Siemens soll das Telefonnetz in Afghanistan aufbauen. "Wir haben am Sonntag ein Rahmenprotokoll unterschrieben", sagte der Planungspräsident des Telekommunikationsministeriums in Kabul, Dastagir Sharifi, am Montag der "Berliner Zeitung". Das Ministerium habe den deutschen Konzern anderen Bewerbern vorgezogen, weil "man sehr gute Erfahrung mit Siemens gemacht hat", sagte Sharifi. Noch immer existiere das alte Siemens-Telefonamt aus den 60er-Jahren, das der Konzern einst für rund 7 000 Anschlüsse installiert habe.
Nach Angaben von Siemens-Ingenieuren in Kabul sollen nun rund 350 000 Hauptanschlüsse gelegt werden. Sharifi meinte, dass sogar bis zu einer Millionen Kabuler einen Antrag auf einen eigenen Telefonanschluss stellen werden. Und das nicht nur in der Hauptstadt. Auch die fünf wichtigsten Städte des Landes sollen an das Kommunikationsnetz angeschlossen werden.

"Jeden Tag haben wir mit Leuten in den Provinzen zu tun, und die fordern eine Telekommunikation", sagte Sharifi. Durch 23 Jahre Bürgerkrieg sind die Kommunikationssysteme weitgehend zerstört. In der Taliban-Zeit, so erklärte der Planungschef des Ministeriums, habe die Regierung keinen Wert darauf gelegt, dass die Menschen kommunizieren. Heute hingegen wollen die Kabuler einen Anschluss, sei es per Telefon oder via Satelliten-Antennen. Sharifi ist einer von 28 000 Kabulern, der sich noch über einen funktionierenden Anschluss freuen kann. In Kabul gibt es zwar Satelliten-Telefone sowie eine zunehmende Zahl an Handys. Doch ohne ein funktionierendes Telekommunikationssystem sind beispielsweise Geldtransaktionen der Banken oder Zahlungsabwicklung per Kreditkarte unmöglich. Wie der Aufbau des Telekommunikationssystems finanziert werden soll, muss sich nach Angaben des Ministeriums in Zukunft erst noch entscheiden; ebenso, wie lange der Ausbau des Kommunikationssystems dauert. Nach Angaben Sharifis rechnet man mit zwei Jahren, bis die Kommunikationssysteme für Kabul und die Provinzen fertig sind. Auf der Geberkonferenz in Tokio im Januar hatten die Vereinten Nationen jedenfalls keine Hilfe für die Telekommunikation bereitgestellt. "Man hat darauf gebaut, dass das von Anfang an von privaten Firmen übernommen wird", sagte Sharifi.

Aus Sicht des Siemens-Konzerns macht der Auftrag, 3 000 Kilometer Glasfaser in Afghanistan zu verlegen, Sinn: In Turkmenistan und Pakistan, zwei Nachbarstaaten Afghanistans, verlaufen bereits Glasfaserkabel von Siemens. Insgesamt reicht die Trans-Asia-Europe-Line (TAE), die längste Glasfaserstrecke der Welt entlang der Seidenstraße, von Shanghai bis nach Frankfurt am Main. Aus Sicht von Siemens sei es ganz natürlich, dass Afghanistan in diese Planung integriert wird.

 

Afghanistan
 
Auf der Suche nach der Vergangenheit
 
Kabul bereitet sich langsam wieder auf Touristen vor
 
Andrea Exler
 
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-------------------- Text ------------------- -->Sayed Tabibi schüttelt den Straßenstaub von seiner Weste und verzieht ein wenig das Gesicht. Der Afghane lebte 30 Jahre lang im Exil in London, nun ist er nach Kabul zurückgekehrt. "Dies meine Heimat - trotz allem", sagt er und steckt den bettelnden Kindern, die ihn umringen, ein paar Tausend Afghani zu. Im Botschaftsviertel, dem einzigen Quartier, das einigermaßen intakt geblieben ist, hat Tabibi vor zwei Wochen eine kleine Pension eröffnet.

Strahlend weiß getüncht steht die neue Herberge da. Rosenhecken blühen im Garten, ein Springbrunnen plätschert. Im gleichen Straßenzug liegt das ramponierte Korrespondentenbüro des Senders Al Jasira, das während der Luftangriffe der Allianz getroffen wurde. Im Hintergrund reihen sich Häuser mit eingestürzten Dächern und durchlöcherten Fassaden aneinander. "Die Einrichtung der acht Doppelzimmer und drei Bäder der Pension musste zum Teil in Pakistan beschafft werden", erzählt der Tabibi.

Nur ganz langsam entsteht in Kabul wieder so etwas wie ein Wirtschaftsleben. Zwar wird das traditionelle Handwerk wie Teppichknüpfen wieder aufgenommen, und auch Tischler bieten auf dem Bazar kunstvoll dekorierte Möbel an. Doch noch ist es unmöglich, in der afghanischen Hauptstadt zum Beispiel eine Waschmaschine zu erstehen. Dennoch wollte Tabibi in der Ruinenstadt eine Existenz gründen. Er hat sich mit zwei weiteren Exil-Afghanen aus London zusammengetan und seine Ersparnisse in das Projekt investiert. "Wir haben gemeinsam 200 000 Euro aufgebracht", erklärt er. Die Pension heißt Silk Road ("Seidenstraße") und soll an die glorreiche Vergangenheit Kabuls erinnern. "Wir hätten das Geld auch anders anlegen können, aber wir wollten signalisieren: Gäste sind willkommen."

Obgleich die internationale Schutztruppe in der afghanischen Hauptstadt stationiert ist, dürfte sich seit der Vertreibung der Taliban noch kein westlicher Tourist hierher verirrt haben. Das war früher anders. Ein Jahr vor Tabibis Flucht nach Großbritannien erlebte der afghanische Tourismus den größten Anstieg an Besuchern aus Europa und Nordamerika in der Geschichte des Landes. Insgesamt 36 Prozent aller Touristen waren 1971 aus dem Westen angereist. In den sechziger und siebziger Jahren war der zentralasiatische Staat neben Pakistan und Indien ein beliebtes Reiseziel von Alternativen und Hippies. Unter den traditionellen Lebensformen der Afghanen schätzten sie nicht zuletzt die des Haschischrauchens.

Der afghanische Diplomat Abed Nadjib, Botschaftsrat in Berlin, will den damaligen Boom aber nicht nur dem Drogentourismus zuschreiben: "Viele waren an der kulturellen Vielfalt des Landes interessiert, in dem 28 verschiedene Stämme lange Zeit friedlich zusammen gelebt hatten." Nadjib glaubt, dass die Missgeschicke seines Landes ihren Ursprung in der Unterdrückung der alten Stammeskulturen haben. Als 1979 die Sowjets einmarschierten, zwangen sie der Bevölkerung eine abstrakte Ideologie der Gleichheit auf. "Später taten die Islamisten nichts anderes: Die Menschen mussten sich wiederum einem Dogma anpassen, das keinen Spielraum für kulturelle Besonderheiten ließ", sagt Nadjib.

Die facettenreiche Geschichte des Landes an der Schnittstelle zwischen russischem, persischem und indischem Einflussbereich betrachteten sowohl Kommunisten als auch Fundamentalisten als eine Art historischen Irrtum, dessen Spuren beseitigt werden sollten. Zum traurigen Symbol dieser Geisteshaltung wurde im vergangenen Jahr die Sprengung der fast 2000 Jahre alten kolossalen Buddhastatuen in Bamiyan durch die Taliban. Für den derzeitigen Kulturminister Mahdoum Rahin ist die Debatte um die Rekonstruktion der Buddhas denn auch ein Politikum: "Es geht nicht nur um eine Touristenattraktion, sondern um ein Bekenntnis zur Vielfalt."

Afghanistan ist auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Während des 24 Jahre währenden Bürgerkriegs haben Schmuggler die archäologischen Reichtümer geplündert und auf den Basaren der Nachbarländer verschleudert. Zuletzt sollen die Taliban 80 Prozent der noch verbliebenen Kunstwerke zerstört haben. Den fanatischen Muslimen galten bildliche Darstellungen als Gotteslästerung. In der soeben wieder eröffneten Nationalgalerie in Kabul kann man neben restaurierten Werken auch einen Haufen aufgeschlitzter Gemälde besichtigen, die die alten Machthaber hinterließen. "Manchem mag es grotesk erscheinen, dass wir inmitten des Elends ausgerechnet ein Kunstmuseum eröffnen", erklärt Museumsdirektor Fatah Adil. "Aber für uns ist dies ein entscheidender Schritt in eine andere Zukunft."

 

Über 900 000 Flüchtlinge kehrten nach Afghanistan zurück


Nach oben 07.06.2002 Handelsblatt

 

Über 900 000 afghanische Flüchtlinge sind seit dem 1. März in ihre Heimat zurückgekehrt. Diese Massen stellen das UN- Flüchtlingshilfswerk UNHCR jedoch vor große finanzielle Probleme, wie ein Sprecher am Freitag in Genf mitteilte.


dpa GENF. Ende Juni seien die Mittel aufgebraucht. Benötigt werden nach Angaben des Sprechers zur Unterstützung der völlig mittellosen Flüchtlinge bis Ende des Jahres 271 Millionen Dollar (fast 300 Millionen Euro), von denen das UNHCR aber bisher nur 180 Millionen von den Mitgliedstaaten des Hilfswerks erhalten habe. Die jetzige Rückkehrbewegung gilt als beispielhaft hoch.

Das Hilfswerk gibt im Monat rund 20 Millionen Dollar in Afghanistan aus und unterhält dort 30 Büros mit rund 500 Mitarbeitern. «Die internationale Gemeinschaft muss ihren Verpflichtungen zur Afghanistanhilfe nachkommen», sagte der Sprecher. Sonst drohe neue Unsicherheit durch Arbeitslosigkeit sowie Lebensmittel- und Wohnungsknappheit.

Anfang des Jahres war das UNHCR von insgesamt 3,7 Millionen afghanischen Flüchtlingen ausgegangen, von denen allein zwei Millionen in Pakistan und 1,5 Millionen in Iran lebten. Der Rest suchte Unterschlupf zumeist bei Verwandten im Landesinneren.

Minister wollen Rückkehr von Flüchtlingen
Kein ständiger Aufenthalt für Minderheiten aus Kosovo und Afghanistan


07.06.2002 Mannheimer Morgen

 

Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Kosovo sollen noch in diesem Jahr in ihre Heimat zurückkehren. Das haben die Länderinnenminister am Donnerstag bei ihrer Frühjahrstagung in Bremerhaven bekräftigt. Ethnische Minderheiten könnten kein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland bekommen, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Fritz Behrens (SPD). Vor einer Rückkehr werde aber sorgfältig geprüft, ob den Flüchtlingen in ihrer Heimat Gefahr drohe.
Zu Beginn der Tagung hatten mehrere hundert Roma aus dem Kosovo in Bremerhaven für ein Bleiberecht in Deutschland demonstriert. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) in Deutschland warnte vor einer übereilten Rückführung. "Bürgerkriegsflüchtlinge können nur auf Zeit hier bleiben, wenn man die Bereitschaft der Bevölkerung erhalten will, in Notsituationen zu helfen", sagte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Das gelte auch für Flüchtlinge aus Afghanistan, die nach dem Beschluss der Innenminister-Konferenz ebenfalls in ihre Heimat zurück geführt werden sollen.

Die Rückkehr der Kosovo-Flüchtlinge soll laut Behrens eng mit der UN-Verwaltung UNMIK abgestimmt werden. Wenn die UN-Organisation grünes Licht für einen sicheren Aufenthalt im Kosovo gebe, werde Nordrhein-Westfalen noch in diesem Jahr "notfalls auch mit schrittweisen Abschiebungen beginnen". Der Vertreter des UN-Flüchtlingskommissariats in Deutschland, Stefan Berglund, betonte, das UNHCR sehe sich in seiner Auffassung bestätigt, das derzeit nur eine freiwillige Rückkehr von Minderheiten in das Kosovo in Frage kommt. Angesichts der Sicherheitsprobleme seien die Voraussetzungen für eine zwangsweise Rückführung von Serben, Roma, Aschkali, und Angehörigen anderer Minderheiten in das Kosovo nicht erfüllt. "UNHCR geht davon aus, dass die UNMIK-Auffassung, wonach eine zwangsweise Rückführung derzeit ausgeschlossen ist, von den Innenministern akzeptiert wird."

 

Der Weg zurück
Zahra Breshna ist Afghanin und lebte über zwanzig Jahre in Deutschland. Jetzt ging sie wieder in ihre Heimat - und weiß nicht, ob es ihre Heimat ist

Quelle: Berliner Zeitung

Olivia Schoeller
Erscheinungsdatum: 11. 06. 2002

KABUL, im Juni. Eigentlich ist es Zahra Breshna unangenehm, den Schal vor Mund und Nase zu drücken, wenn sie durch die Gassen der Kabuler Altstadt geht. Sie versucht solange wie möglich die Luft anzuhalten, um den Gestank nicht zu riechen, den Staub nicht einzuatmen. Doch irgendwann hält sie es nicht mehr aus. Dann holt sie tief Luft, drückt den Schal vor ihr Gesicht und blickt ein wenig unsicher um sich. Es ist ihr peinlich, den Landsleuten zu zeigen, wie schwer es ihr fällt, diesen Alltag zu ertragen. Doch es ist die Wahrheit. 22 Jahre nach ihrer Flucht ist die Berliner Architektin Zahra Breshna in ihre Heimat zurückgekehrt und fühlt sich wie eine Fremde.
Wer die Kabuler Altstadt in der Nachkriegszeit nie erlebt hat, mag das Verhalten von Zahra Breshna schwer nachempfinden. Doch wer dort war, wird den Geruch und die Bilder nicht vergessen. Die meisten Häuser sind zerschossen, Gebäude, die nicht eingestürzt sind, vermissen Teile ihrer Fassade, die Einschusslöcher der Raketen wirken wie Wunden. Man riecht die Abgase in der Luft, den Müll, die Latrinen. Und inmitten dieser Runien leben Tausende von Menschen.

Sie leben mit ihren Familien in den zerstörten Häusern oder in kleinen Blechhütten - ohne Fenster, ohne Türen, ohne Strom, ohne fließend Wasser. Die Schulen in die die Kinder gehen, wenn sie denn gehen, sind baufällig oder haben kein Dach. Die meisten sind Flüchtlinge, die der Krieg aus ihren Dörfern hierher getrieben hat, und viele wissen nicht, wie es war, als Kabul noch eine moderne asiatische Metropole war - mit Theatern, Museen und Elektrobussen.

Wenn Zahra Breshna heute durch die Stadt geht, erinnert sie sich zwar noch an das alte Kino und den früheren Glanz des Hotel Kabul. Doch von den Gärten und den Basaren, die sie noch aus ihrer Kindheit kennt, findet sie keine Spuren mehr. Kabul ist für sie ein Zerrbild. "Als ich zurückkam, war alles krumm und schief", sagt Zahra. Eine Woche lebte sie wie in einem Delirium, unfähig zu verstehen, was sie sah. "Ich dachte nicht, dass ich das aushalten werde." Für Zahra Breshna sahen die Straßen und die Menschen völlig anders aus, als in jenen Tagen, an denen sie als 15-Jährige Kabul verließ. "Ich wusste plötzlich nicht mehr, besuche ich meine Heimat, oder bin ich Gast in einem fremden Land?"

Für die Kabuler ist sie eine Fremde. Man hört es, wenn man mit ihr durch die Straßen geht. Weil keiner glaubt, dass Zahra Breshna Afghanin ist, lästern die Passanten ganz ungeniert. "Diese Ausländer sollen verschwinden", sagen sie. "Die haben uns nur Unglück gebracht." Oder sie flüstern: "Schau dir die an, wie die herumläuft". Gelegentlich werden sie auch anzüglich, weil Zahra keine Burkha trägt und in den Augen afghanischer Männer damit ungeschützt ist.

Doch selbst wenn sie afghanische Kleidung trägt und ihr Haar unter einem Schleier verbirgt - jeder Kabuler erkennt in ihr sofort die Andersartige. Zahra meint, es liege daran, dass sie so groß ist. Tatsächlich aber sind es ihre forschen Bewegungen, ihr selbstsicheres Auftreten, das sie von der ängstlichen Art der afghanischen Frauen unterscheidet. Obwohl sie sich vor ihrer Reise nach Kabul auf traurige Erlebnisse vorbereitet hatte, so hat sie das Wiedersehen mit der Vergangenheit doch mehr schockiert, als sie das im fernen Deutschland geglaubt hatte.

Die Häuser, die im Besitz der Familie waren, sind ruiniert. "Die Taliban haben die Toiletten herausgerissen und in einigen Zimmern findet man eine Feuerstelle auf dem Boden", sagt Zahra nach ihrem ersten Besuch im ehemaligen Elternhaus. Von der in Afghanistan berühmten Bibliothek ihres Großvaters, von Möbeln oder anderen Erinnerungen ist nichts geblieben. Lediglich die blauen und grünen Fische, die ihr Vater an die Wand des Schwimmbeckens für Zahra und ihre Brüder gemalt hat, sind noch erkennbar.

Auch die Erinnerungen an Menschen sind nicht verblasst. Als Zahra Breshna nach über zwanzig Jahren den früheren Koch der Familie wiedertraf, war sie glücklich und traurig zugleich. Anders als ihre Familie, ist er nicht nach Deutschland geflohen, sondern blieb in Afghanistan. Er durchlebte die Jahre der Kommunisten, den Einmarsch der Russen, den Bürgerkrieg und die Taliban-Zeit und hielt der Familie Breshna die Treue. Er bewachte die Häuser, doch dann wurden sie konfisziert und geplündert. Später, als sein Sohn an Krebs erkrankte und es in Afghanistan keine Hilfe gab, begann er die Familie Breshna zu suchen, um sie um Hilfe für eine Behandlung zu bitten - doch unter der Herrschaft der Taliban hatte er keine Chance, sie zu finden. Er musste zusehen, wie sein Sohn starb.

Als sie die Geschichte hörte, fragte sich Zahra, ob sie selbst die vergangenen Jahre in Afghanistan durchgestanden hätte. Wenn sie die Frauen in Afghanistan sieht, ist sie glücklich, dass ihre Familie das Land 1979 verließ und sie, Zahra, erst jetzt zurückgekehrt ist - als gebildete Frau, die jahrelang ihren Beruf ausüben konnte.

Für ihre "Gruppe" im Städte- und Wohnungsbauministerium - vier Frauen und ein Mann - ist Zahra Breshna die erste weibliche Vorgesetzte. Unter den Taliban durften die Architektinnen und Ingenieurinnen sechs Jahre lang nicht arbeiten. Heute gehören die vier zwar zu den Beamten des Ministeriums, doch tatsächlich hatten sie bis zu Zahra Breshnas Ankunft keine Aufgabe. Nun arbeiten sie mit Zeichenmaterial, das Zahra vom deutschen Entwicklungsdienst bekommen hat, an dem Projekt Altstadt. Zahra will die jahrtausendealte Altstadt untersuchen und über das Thema in Deutschland promovieren. Wochenlang durchforschte die Gruppe jeden Winkel und jede Gasse, um zu bewerten, welchen historischen Bestand, welche Schreine, Moscheen und Hammam-Bäder, der Krieg verschont hat.

Für die Gruppe ist Zahra Breshna aber nicht nur Chefin, sie ist auch Beraterin, für alle Probleme, die die "afghanische Wende" mit sich bringt. So will die Regierung jetzt gegen die Bürokratie vorgehen und innerhalb der Ministerien "Eliteeinheiten" schaffen, die effizienter arbeiten. Die Beamten sollen auf ihren Status und damit auf Vergünstigungen wie Mietzuschuss verzichten und erhalten dafür zweihundert bis zweihundertfünfzig Dollar Monatsgehalt, anstelle der bisherigen dreißig Dollar. Einen Personalrat gibt es nicht, es gibt nur Zahra Breshna, die Rückkehrerin, die man um Rat fragen kann.

Die ehrenamtliche Arbeit im Städtebauministerium hat Zahra Breshna angenommen, weil sie dadurch auch die Projekte ihres Vaters unterstützen kann. Abdullah Breshna war bereits Anfang des Jahres auf Einladung der Regierung nach Kabul zurückgekehrt, um Projekte für die künftige Planung der afghanischen Hauptstadt zu entwickeln und das Ministerium aufzubauen. Seine Tochter kam später mit ihrer Mutter und einigen anderen Exil-Afghanen nach. Doch im Ministerium freuen sich nicht alle über Zahras Breshnas Rückkehr. Es gibt einige, denen es lieber wäre, die Exilanten wären im Exil geblieben. Irgendwo in der Fremde. Für die Rückkehrer wiederum ist das Wiedersehen mit der Heimat meist ein erschreckendes Erlebnis. Gleichzeitig aber spürt man bei ihnen den starken Anspruch auf "ihr" Afghanistan, jenes zivilisierte Land, das sie vor zwei Jahrzehnten verlassen haben.

Erster Versuch einer Wiederbelebung ist das Hotel Mustafa. Jeden Abend treffen sich dort ausländische Journalisten, um heimlich eingeschmuggeltes Bier oder Wein zu trinken und den einzigen Dachterrassen-Blick über Kabul zu genießen. Der Betreiber des Hotels, selbst ein Exil-Afghane aus Amerika, hat die Terrasse jetzt mit Marmor auslegen lassen und eine Lichterkette um das Gelände gewunden - ein wenig westliche Sommerstimmung, die seine Gäste zu schätzen wissen. Hier wird kein Kopftuch getragen und die Burkha sieht man lediglich als Angebot im Souvenir-Shop - für zwanzig Dollar. Wenn Zahra Breshna nicht mit ihren Eltern und den beiden anderen Mitbewohnern der 4-Zimmer-WG zu Hause isst, dann trifft sie hier Verwandte oder Freunde. Sie sprechen dann über die Vergangenheit, die Zukunft oder den Gesundheitszustand des Königs. Viele von ihnen kennen Zahir Shah entweder persönlich oder sind mit ihm verwandt.

Als Zahra Breshna nach Kabul kam, hatte sie zwar den Wunsch zu helfen, aber eigentlich ging es um die Architektur, darum, an der Promotion über die Altstadt zu arbeiten und die Eröffnung eines Architektenbüros zu planen. Heute sieht sie das anders. Das eigene Architektenbüro in Kabul ist vorläufig kein Thema und wird "langfristiges Projekt" genannt. Die Wirklichkeit in Kabul hat gezeigt, dass ihre Überlegungen zu einfach waren. "Um eine Zivilgesellschaft aufzubauen, und Verhaltensweisen zu ändern, reicht es nicht, ein Architektenbüro aufzumachen", sagt Zahra Breshna. Sie will alles überdenken.

In den vergangenen zwanzig Jahren wurden fünfzig Prozent von Kabul zerstört, gleichzeitig wuchs die Bevölkerung um fünfzig Prozent. Als Zahra Breshna Kabul verließ, lebten rund 1,3 Millionen Menschen in der Hauptstadt. Heute schätzt man die Zahl auf 2,5 Millionen, bald sollen es drei Millionen sein. Überlegungen, wie man Wohnungen für diese Menschen schafft, gibt es bereits. Allerdings fehlt das Geld für die Umsetzung der Projekte. Nach den Überlegungen des Städtebauministeriums soll eine komplett neue Stadt in der Region Pai Monar, nördlich von Kabul errichtet werden. "Kabul kann sich nicht mehr ausdehnen", sagt Zahra, deshalb müsse man ausweichen. Zurzeit wird noch geprüft, ob Wasser aus dem nahe gelegenen Pandschir-Tal für die neue Stadt umgeleitet werden kann. Im Sommer will dann das Ministerium eine große internationale Konferenz zur Erstellung eines neuen Masterplans für Kabul organisieren. Er soll festlegen, wie sich die Hauptstadt entwickeln soll in den nächsten Jahren.

Bis dahin will Zahra Breshna ihre Untersuchungen in Berlin überarbeitet haben und damit wieder nach Kabul reisen. Auf der Basis ihrer Vorgaben sollen dann Architekten aus aller Welt darüber debattieren, wie aus den Ruinen eine neue Metropole wird - eine Stadt in der sich Zahra Breshna nicht mehr fremd fühlt und nicht als Fremde gesehen wird. Eine Stadt, in der sie ihren Schal nicht mehr gegen Mund und Nase drücken und vielleicht nicht einmal mehr um den Kopf legen muss. Das wäre dann jenes Kabul, in dem sich Zahra Breshna vorstellen könnte, für immer zu leben.

 

„Wir müssen bei minus Null anfangen“ – Interview mit Abed Nadjib, Botschaftsrat Afghanistans in Deutschland

tagesschau.de: Herr Nadjib, die Loja Dschirga, die "Große Versammlung", entscheidet darüber, wer das Land in den kommenden zwei Jahren regieren darf. Ziel ist eine dauerhafte und stabile Nachkriegsordnung zu schaffen. Sind sie optimistisch, dass es dazu kommt?

Abed Nadjib: Ich bin nicht nur optimistisch, sondern zu 100 Prozent sicher, dass die hoch gesteckten Ziele erreicht werden. Ich glaube, diese Zusammenkunft wird in der Geschichte Afghanistans eine bedeutende Rolle einnehmen. Nach 22 Jahren findet endlich wieder eine Loja Dschirga statt, um einen friedlichen Weg für die Zukunft Afghanistans einzurichten.

tagesschau.de: Wie autonom sind die Afghanen denn in ihren Entscheidungen? Welche Rolle spielen ausländische Mächte bei der Loja Dschirga?

Nadjib: Wir Afghanen sind der internationalen Gemeinschaft zu großem Dank verpflichtet. Wenn diese nicht den Willen gehabt hätte, den Terrorismus in unserem Land zu bekämpfen und die Taliban zu vertreiben, wären wir nicht so weit gekommen. Allerdings hat die Einmischung von Außen meinem Land in der Vergangenheit viel Unheil eingebracht. Deshalb bin ich sehr froh, dass es unserer Präsident, Hamid Karsai in den vergangenen sechs Monaten auf diplomatischen Weg geschafft hat, die Beziehungen zu unseren Nachbarn so zu verbessern, dass die Einmischungen abgenommen haben. Ich denke, dass sich auch die USA und Europa politisch nicht einmischen werden und sich in ihrer Hilfe auf ökonomische Aspekte konzentrieren.

tagesschau.de: Kann der Wille zum Frieden die ewigen Stammeskämpfe zwischen den verschiedenen Interessengruppen, etwa den Paschtunen und den Tadschiken, überstrahlen?

Nadjib: Wenn wir Afghanen alleine unter uns sind und von außen Unterstützung finden, werden wir eine politische Lösung für Afghanistan erreichen. Ich denke, trotz aller Rivalitäten ist die Zeit der Versöhnung jetzt gekommen. Das zeigt sich auch dadurch, dass der Ex-König Sahir Schah nach langen Jahren im Exil zurückgekommen ist.

tagesschau.de: Warum wehrt sich die Nordallianz dann dagegen, dass der Paschtune Sahir Schah zum Präsidenten wird?

Nadjib: Es stört mich, dass noch immer von der Nordallianz gesprochen wird. Die gibt es gar nicht mehr. Das war eine Allianz, die als Widerstand gegen die Einmischung von Außen geschaffen wurde. Das ist jetzt vorbei, und deshalb sollte man auch nicht mehr davon sprechen. Ich bestreite auch, dass die führenden Politiker aus dem Norden gegen Sahir Schah sind. Sie halten sich lediglich an des Petersberger Abkommen, in dem deutlich festgeschrieben wurde, dass der ehemalige König keinen Anspruch auf seine ehemaligen Ämter hat.

tagesschau.de: Wozu wird er dann noch gebraucht?

Nadjib: Sahir Schah wird auch weiterhin eine Figur von höchster Symbolkraft für die Integrität Afghanistans bleiben. 22 Jahre war er im Ausland, 22 Jahre lang haben viele Afghanen große Hoffnungen in ihn gesetzt. Nun ist er – mit 87 Jahren –in sein zerstörtes Heimatland zurückgekehrt. Er verzichtet auf die Macht und auf ein sorgenfreies Rentendasein – alles für den Frieden in seinem Land. Das verdient größte Hochachtung. Jetzt hat er alle ethnischen Gruppen des Landes zusammen gebracht.

tagesschau.de: Die Streitigkeiten sind dadurch aber nicht unbedingt kleiner geworden.

Nadjib: Dass es noch Interessenunterschiede gibt, liegt auf der Hand. Man muss der Übergangsregierung Karsai doch ein wenig Zeit geben, gerade mal sechs Monate regiert sie jetzt in Kabul. Wir haben schon einige positive Schritte unternommen, und in weiteren Etappen werden wir das Ziel erreichen.

tagesschau.de: Und wie geht es jetzt weiter?

Nadjib: Die Zukunft Afghanistans ist schwierig. Wir müssen bei minus Null anfangen, noch nicht einmal von Null. Ich glaube, Hamid Karsai ist in dieser Situation der richtige Mann, um unser Land in die Zukunft zu führen.

tagesschau.de: Bisher reichte der Einflussbereich von Hamid Karsai nicht weit über Kabul hinaus, also dort, wo die Internationale Schutztruppe stationiert ist. Wer sind die mächtigen Warlords in den Provinzen?

Nadjib: So einfach ist das nicht. Natürlich gibt es verschiedene Mächte und Gruppierungen außerhalb Kabuls. Schließlich kontrollieren sie wichtige Provinzen – etwa Ismael Khan in Herat. Das sind aber keine Warlords, sondern Leute, die Verantwortung von der Regierung übernommen haben. Dass Karsais Macht noch nicht über Kabul hinaus reicht, ist für eine Übergangsregierung ganz in Ordnung. Eins nach dem anderen. Der nächste Schritt ist eine stabile Regierung in der Hauptstadt. Wenn diese Regierung gefestigt ist, also national und international anerkannt wird und die versprochenen Hilfsmittel einlaufen, kann man diese Macht afghanistenweit dezentralisieren. Das wird auch geschehen.

tagesschau.de: Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang die internationale Schutztruppe?

Nadjib: Sehr wichtig. Sie sollte auch so lang dableiben, wie das die afghanische Regierung für richtig hält. Es gibt leider noch immer Terroristen auf afghanischem Territorium, die bekämpft werden müssen. Bisher läuft die Zusammenarbeit jedenfalls sehr gut.

tagesschau.de: Nun zur Situation afghanischer Flüchtlinge in Deutschland. Wie viele sind denn noch hier, und wie sieht es aus mit der Bereitschaft, in ihr Heimatland zurückzukehren?

Nadjib: Wir haben etwa 80.000 Afghanen in Deutschland, die in den letzten 15, 20 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Viele haben auch schon die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Rückkehr von Flüchtlingen ist ein wichtiges und großes Projekt. Priorität haben da erstmals die Flüchtlinge aus den Anrainerstaaten – etwa 670.000 sind bislang zurückgekommen. Für die müssen erst einmal Unterkünfte, Wasserversorgung, Stromversorgung und medizinische Versorgung geschaffen werden. Ich registriere aber auch die Bereitschaft vieler Afghanen in Deutschland, in ihr Land zurückzukehren, um dort Aufbauhilfe zu leisten. Das ist sehr wichtig, denn unter diesen Rückkehrern werden viele hoch qualifizierte Fachkräfte sein, die unser Land jetzt so dringend braucht. Die Bundesregierung hier unterstützt diese Bestrebungen auch gezielt durch projektbezogene Seminare.

tagesschau.de: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Afghanistan und Deutschland beschreiben?

Nadjib: Afghanistan und Deutschland unterhalten seit über 75 Jahren exzellente Beziehungen. Deutschland hat uns immer geholfen, vor allem wirtschaftlich. Es gibt da eine tiefe freundschaftliche Partnerschaft, die sich auch dadurch auszeichnet, dass sich Deutschland stets zurückgehalten hat, was eine Einmischung in innere politische Angelegenheiten angeht. In schwierigen Situationen zu Kriegszeiten und jetzt beim Wiederaufbau konnten wir uns stets auf unsere deutschen Freunde verlassen. Unsere große Hoffnung an Europa ist, dass das auch in Zukunft so sein wird.

Das Gespräch führte Uli Bentele, tagesschau.de

 

 


 Scharia für Afghanistan
Delegierte der Loja Dschirga fordern islamisches Recht


15.06.2002 Berlin Online

Einen Tag nach seiner Wahl zum afghanischen Staatspräsidenten hat Hamid Karsai die Aussöhnung der verschiedenen Volksgruppen als seine wichtigste Aufgabe bezeichnet. "Unser Ziel ist es, die Afghanen zu einem besseren Leben zu führen, hinaus aus dem Sumpf der letzten 23 Jahre, einem Sumpf von Kriegsherrschaft, Terrorismus und Hunger", sagte Karsai am Freitag. Der afghanische Staatschef forderte die internationale Gemeinschaft zu verstärkter Hilfe auf. Die bisherigen Hilfen seien "minimal" im Vergleich zum versprochenen Umfang, sagte Karsai. Als dringende Aufgaben seiner Amtszeit bis zu den ersten regulären Wahlen 2004 nannte er die Instandsetzung zerstörter Straßen und den Aufbau einer Armee.

Nach der wenig überraschenden Wahl Karsais zum Präsidenten war die Zusammensetzung des zukünftigen Kabinetts noch Gegenstand von Spekulationen. Nach Einschätzung von Beobachtern wollte die Große Ratsversammlung bei der Auswahl der Minister die einzelnen afghanischen Volksgruppen stärker berücksichtigen. Die bisherige Übergangsregierung war von ehemaligen Mitgliedern der Nordallianz dominiert worden. Der bisherige Innenminister Junis Kanuni hatte seinen Posten bereits am Dienstag zur Verfügung gestellt. Karsai erklärte, notwendig sei die Bildung einer für die ethnische Vielfalt Afghanistans repräsentativen Regierung.

Unter dem Applaus der mehr als 1 500 Delegierten in der Loja Dschirga forderte Paschtunenführer Abdurab Razul Sayyaf die Einführung des islamischen Rechts der Scharia. "Ich verlange, dass unsere neue Übergangsregierung den Namen ,islamisch’ tragen muss", erklärte Sayyaf, ein gebürtiger Paschtune. Der Professor für Theologie fügte an: "Ich unterstütze Karsai. Aber ich empfehle, dass er während seiner Regierung die Grenzen der Religion nicht übertritt. Die Religion und Gott müssen regieren."

Das US-Verteidigungsministerium hat Berichte über angebliche Massaker an mehreren Tausend Taliban-Kämpfern in Afghanistan als "unbegründet" zurückgewiesen. "Wir haben die Behauptungen geprüft und nichts gefunden, was die Eröffnung einer offiziellen Untersuchung gerechtfertigt hätte", sagte ein Sprecher des US-Zentralkommandos in Florida am Donnerstag. Die Vorwürfe waren demnach bereits im März öffentlich geworden.(AFP, AP/ger.)


«Bagger werden die Panzer ablösen»
Masud Khalili, Afghanistans Botschafter in Indien, umreisst die künftigen Prioritäten von Präsident Karzai.


15.06.2002 Bieler Tagesblatt

 

Interview: Peter Isenegger

Die Loya Tschirga wird nicht gerade als demokratisches Musterbeispiel gepriesen. Es gibt Kritik wegen angeblich hinter verschlossenen Türen getroffener Abmachungen.
Masud Khalili: Für mich ist die Loya Tschirga die Fortsetzung des in Bonn begonnenen Prozesses. Die Loya Tschirga in Kabul ist erst der Grundstein, der für das künftige demokratische Afghanistan gelegt wird.

Der UN-Sonderbeauftragte Lakhdar Brahimi sagt, dass jetzt die Hälfte des Weges bereits zurückgelegt sei.

Ich weiss nicht genau, was Brahimi damit meint. Wenn er darunter den in Bonn begonnenen Prozess versteht, dann stimme ich ihm zu. Dann sind wir auf halbem Wege, weil wir noch 18 Monate bis zu den eigentlichen Wahlen warten müssen. Mit der Loya Tschirga haben wir das Fundament für diese Wahlen geschaffen.

Was betrachten Sie als grösste Herausforderung für die Regierung von Hamid Karzai in den nächsten 18 Monaten?

Die schwierigste Aufgabe für diese Regierung wird sein, die Stabilität von Kabul auf das gesamte Land auszuweiten. Zudem wird die Regierung Tag und Nacht, Woche für Woche und Monat für Monat am Wiederaufbau unseres vom Krieg zerstörten Landes arbeiten müssen.

Die internationale Gemeinschaft hat 4,5 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfe zugesichert, doch die Mittel fliessen langsam. Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?

Ich bin sehr optimistisch, dass die internationale Gemeinschaft die abgegebenen Versprechen einhalten wird. Ja, ich glaube fest daran, dass diese Gelder auch gesprochen werden. Denn, die internationale Gemeinschaft hat erkannt, dass sie mit diesem Geld ihren Beitrag zur Stabilität Afghanistans leisten kann und leisten muss. Ohne einen raschen Wiederaufbau wird es schwierig sein, in Afghanistan Stabilität zu erreichen. Ohne den raschen Wiederaufbau wäre nicht nur die Stabilität, sondern die gesamte Zukunft Afghanistans gefährdet.

Wie wird Ihr Land in fünf oder sechs Jahren aussehen?

Dann werden wir ein Afghanistan sehen, das sich auf einem politisch und demokratisch gefestigten Weg befindet. Die zerstörte Infrastruktur wird zwar noch nicht vollständig wiederhergestellt sein, aber wir werden uns diesem Ziel genähert haben. Wir werden viel mehr Schulen sehen, die einer immer grösseren Zahl von afghanischen Kindern, Mädchen und Jungen, das schulische und soziale Rüstzeug vermitteln, das für deren Zukunft und die Zukunft Afghanistans von enormer Wichtigkeit ist. Die ethnischen Spannungen werden zum grössten Teil durch einen demokratischen Prozess ersetzt worden sein. Ich hoffe, dass bis dann der Lärm von Baggern und Baumaschinen den Lärm von Panzern und Helikoptern abgelöst haben wird. Und dass die Menschen mit Schaufeln - und nicht mehr mit Kalaschnikows - in ihren Händen durch unsere Strassen gehen.


Demokratie in Afghanistan?

15.06.2002 Neue Züricher Zeitung



An der Grossen Ratsversammlung (Loya Jirga) in Kabul werden die Weichen gestellt. Afghanistan befindet sich in der wohl entscheidenden Phase des Friedensprozesses, der im letzten Dezember in Bonn begonnen hat. Dass in dem ethnisch, religiös und regional zersplitterten und vom Krieg zerrissenen Land an der Loya Jirga nicht alles reibungslos über die Bühne geht, versteht sich von selbst. Gezänk, Palaver, Intrigen und Ränkespiele waren in Afghanistan schon immer Teil der politischen Auseinandersetzung. Es ist bereits als grosser Erfolg zu werten, dass Angehörige der verschiedenen ethnischen Gruppen im gleichen Zelt sitzen und bärtige Anhänger einer traditionellen Auslegung des Islams mit westlich orientierten Modernisierern reden.

Karzai ist nun von der Loya Jirga zum Präsidenten gewählt worden. Er verfügt damit über mehr demokratische Legitimität. Im Dezember war er den Afghanen - ebenso wie die Übergangsregierung - von der Uno und den Vereinigten Staaten praktisch aufgezwungen worden. Gewiss wird an der Loya Jirga hinter den Kulissen heftig gefeilscht und gehandelt. Doch greift die Kritik, es sei alles nur ein abgekartetes Spiel, viel zu kurz. Auch in den entwickelten westlichen Demokratien gehören Absprachen zum politischen Alltag. In Afghanistan sind solche Arrangements angesichts der divergierenden ethnischen, religiösen und regionalen Interessen geradezu eine Voraussetzung für die Herstellung einer Machtbalance, ohne die dem Land der endgültige Zerfall droht.

Die Loyalität der Bevölkerung Afghanistans mit seiner weitgehend von archaischen Traditionen geprägten feudalen Stammesgesellschaft gilt vor allem dem Clan, dem Stamm oder der Volksgruppe, nicht den staatlichen Institutionen, die ohnehin erst noch aufgebaut werden müssen. In der Geschichte Afghanistans wurde die Loyalität der Stammes- und Regionalfürsten mit der Zentralregierung jeweils mit Geld und Ämtern erkauft. Politik war schon immer ein Geben und Nehmen. Zur Zeit der Regentschaft des 1973 gestürzten Königs Zahir Shah herrschte vor allem deshalb jahrzehntelang Frieden, weil sich der Monarch, sei es aus Schwäche oder Einsicht, kaum in die Angelegenheiten der Stämme und Regionen einmischte.

Umstritten ist auch die Anwesenheit von Kriegsfürsten an der Loya Jirga. Immerhin scheinen sie, zumindest derzeit, ein Interesse daran zu haben, ihre Ziele mit politischen Mitteln zu verfolgen und nicht, wie das sonst der Fall ist, mit Waffengewalt. Das allein ist ein grosser Fortschritt. Ihre Teilnahme mag zwar im Widerspruch zu den von der Uno aufgestellten Auswahlkriterien stehen. Sie entspricht aber den derzeit herrschenden Machtverhältnissen. In vielen Regionen des zerstückelten Landes regieren wieder die gleichen Kriegsherren wie vor der Machtergreifung der Taliban. Während die Autorität der Übergangsregierung nach wie vor kaum über die Hauptstadt Kabul hinausreicht, haben die Lokalfürsten ihre Herrschaft konsolidiert. Sie erheben Zollgebühren und unterhalten Privatarmeen. Ihre Macht kann nicht einfach über Nacht gebrochen werden. Eine Bürgergesellschaft als Gegengewicht zur Herrschaft der Mujahedin gibt es nicht einmal in Ansätzen.

Dass der von den Amerikanern unterstützte Paschtune Karzai künftig über die Autorität verfügen wird, um die staatliche Kontrolle auf das ganze Land auszuweiten, ist zu bezweifeln - trotz dem eindeutigen Votum an der Loya Jirga. Karzai wird auf die Kooperation von Warlords angewiesen sein, wenn er sein Ziel der nationalen Einheit erreichen und das Land stabilisieren will. Nicht einmal alle paschtunischen Stammesführer stehen hinter ihm, auch wenn sie ihm ihre Stimme gegeben haben. Unter den Paschtunen, die sich politisch marginalisiert fühlen, hat die Kritik an Karzai in dem Masse zugenommen, wie dieser von den Tadschiken unterstützt wurde, welche die Zentralregierung dominieren. Karzai nehme zu wenig die Interessen der Paschtunen wahr, lautet der Vorwurf. Er sei ein Lakai der Amerikaner, die hinter den Kulissen der Loya Jirga die Fäden zögen.

Das Mehrheitsvolk der Paschtunen, deren Stämme und Clans unter sich allerdings heillos zerstritten sind, erhofft sich von der Loya Jirga eine angemessene Vertretung in der neuen Übergangsregierung. Die Paschtunen, aus deren Reihen die meisten Taliban stammen, waren von der Bildung des ersten afghanischen Reichs im 18. Jahrhundert bis zum Sturz von Zahir Shah 1973 fast immer die dominierende politische Kraft in Kabul gewesen. Seit der Vertreibung der Taliban haben jedoch die Tadschiken aus dem Panjshir-Tal ein politisches Übergewicht. Ihre Truppen hatten Kabul erobert. Sie waren die führende Kraft innerhalb der Nord-Allianz, des militärischen Verbündeten der Vereinigten Staaten im Kampf gegen al-Kaida und die Taliban. Die Tadschiken verdanken ihre überragende politische Stellung, die in keiner Weise ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, dem Bonner Abkommen.

Die beiden entscheidenden Fragen lauten: Werden die Paschtunen (und auch andere ethnische Gruppen) entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil in die politische Verantwortung eingebunden? Können die Tadschiken dazu gebracht werden, einen Teil ihrer Macht wieder abzugeben? Gelingt das der Loya Jirga nicht, wird es in Afghanistan keinen dauerhaften Frieden geben.


Karsais Makel

  15.06.2002 Roth Hilpoltsteiner Volksztg

 

Großer Kreis“ müsste man wohl sagen, wenn man „Loja Dschirga“ wörtlich aus dem Paschtu ins Deutsche übersetzen wollte. Hat sich der Kreis bei der großen Ratsversammlung in Kabul und mit der Wahl des charismatischen Hamid Karsai zum neuen Staatsoberhaupt Afghanistans endlich geschlossen? Kann sich das gebeutelte Land nach 23 Jahren Krieg und religiöser Intoleranz jetzt endlich auf den Weg in eine friedlichere Zukunft begeben? Und, vielleicht die wichtigste Frage: Schafft es Hamid Karsai, das Machtvakuum auszufüllen, das für das Chaos und die Krise am Hindukusch verantwortlich ist?

Ermutigendes Signal

Aus dem großen Zelt in Kabul dringt immerhin das ermutigende Signal, dass sich die Mehrheit der 1650 Delegierten der Loja Dschirga mit Karsai auf diesen Weg machen will . Mehr besagen die 1295 Stimmen nicht, die der Paschtune bekommen hat – aber für ein Land, das nicht zuletzt durch seine blutigen Stammesfehden und ethnische Zersplitterung an den Rand des Abgrunds geführt wurde, ist das schon jede Menge.

Viel wichtiger für die noch zu bildende Regierung und ihre Akzeptanz bei der Bevölkerung dürften die zahlreichen Machthändel gewesen sein, die im Vorfeld der Ratsversammlung nötig waren, um die Wahl überhaupt erst zu ermöglichen. Dass der greise König Zahir Schah nicht nur auf alle politischen Ämter verzichtete, sondern Karsai auch seine volle Unterstützung zusicherte, verbessert die Position des bisherigen Übergangspremiers bei den königstreuen Paschtunen im Süden Afghanistans erheblich.

Auch das Rücktrittsangebot des bisherigen Innenministers Junis Kanunin, der zur tadschikischen Minderheit gehört, dürfte dem paschtunischen Mehrheitsvolk die Zustimmung zu einer noch zu bestimmenden neuen Regierung erleichtern. Denn das Petersberger Abkommen, das den Tadschiken gleich die drei zentralen Ressorts, Inneres, Äußeres und Verteidigung, zugestand, wurde von der wichtigsten und größten Volksgruppe als herbe Zumutung empfunden. Jetzt könnten die Karten im Kabuler Machtpoker zwischen den verschiedenen Ethnien neu gemischt werden. Dabei könnten nicht nur die Süd-Paschtunen, die bislang über Karsai ihren Einfluss auf die Regierung wahrten, verstärkt zum Zug kommen, sondern auch die Ost-Paschtunen, die immer stärker auf Teilhabe an der Macht drängen.

Es wird für Karsai zur Überlebensfrage werden, genau diesen ethnischen Proporz an der Regierungsgewalt auf das Genaueste einzuhalten. Denn nur wenn er bei möglichst allen Stämmen breite Anerkennung genießt, wird Karsai das große Makel seiner Regierung überspielen können. Der Mann, der wegen seines gewandten Auftretens so viele Symptahien im Westen hat, gilt bei vielen Afghanen als Marionette der Amerikaner. Das Gerangel um die Kandidaten im Vorfeld der Loja Dschirga, bei dem die Regierung Bush gewaltigen Druck zugunsten Karsais ausübte, hat dies nur noch deutlicher hervortreten lassen.

Nicht verziehen

Noch immer haben die Menschen am Hindukusch der Supermacht nicht verziehen, dass sie in den 80er-Jahren zwar im Auftrag der USA die sowjetischen Besatzer in Afghanistan und damit indirekt den Sozialismus in die Knie zwangen, aber bei der Verteilung der Dividende vergessen wurden. Wer Karsais Position festigen will, begeht diesen Fehler nicht noch einmal. Dem neuen Kabuler Premier und seinem geschundenen Volk sind am meisten geholfen, wenn endlich die zugesagten Milliarden aus dem Ausland fließen würden. Der Staat hat kaum andere Einnahmequellen und muss schnell beweisen, dass nur eine westlich orientierte Regierung das Land aus der Armut führen kann. Allein in diesem Jahr wollten die Geberländer mit 1,2 Milliarden Dollar helfen – angekommen sind bislang 100 Millionen.


Bundeswehr bleibt in Afghanistan
In großer Übereinstimmung hat der Bundestag die Einsätze deutscher Soldaten in Mazedonien und Afghanistan verlängert.


14.06.2002 Westdeutsche Zeitung


Ein deutscher Soldat und zwei afghanische Polizisten patrouillieren auf einem Lastwagen durch einen Vorort von Kabul. Die Bundeswehr wird bis auf Weiteres in Afghanistan bleiben.

Alle Fraktionen mit Ausnahme der PDS stimmten am Freitag dafür, dass die Bundeswehr weitere sechs Monate in der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) und weitere vier Monate zum Schutz ziviler Beobachter des Friedensprozesses in Mazedonien bleibt. Die deutsche Truppe dort wird allerdings drastisch verkleinert. Von 520 Soldaten werden 300 abgezogen, kündigte Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) an. Die PDS wurde scharf kritisiert.

Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte, ein Abzug der Bundeswehr aus Kabul beförderte einen Rückfall des Landes in einen alles zerstörenden Bürgerkrieg. Die PDS sei «blind». Das sei das Gegenteil von Friedenspolitik. Scharping sagte, die Lage in Afghanistan mit untergetauchten El Kaida- und Taliban-Kämpfern sei weiterhin eine Bedrohung des Weltfriedens und der Stabilität des Landes. Afghanistan sei auf dem Weg in eine friedliche Zukunft. Dieser Fortschritt sei aber noch nicht gesichert.

PDS-Fraktionschef Roland Claus entgegnete, Krieg könne nicht mit Krieg bekämpft werden. Die Bundesregierung müsse in der NATO auf eine Aufhebung des Bündnisfalls hinwirken und die deutschen Soldaten aus dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus abziehen. Nach Ansicht der PDS bereiten die USA einen Schlag gegen den Irak vor, in den Deutschland hingezogen werden könnte. Grüne und PDS warfen sich in den Debatten gegenseitig mangelnde Glaubwürdigkeit und Prinzipienlosigkeit in der Friedenspolitik vor.

Der ISAF-Einsatz wäre ohne Verlängerung zum 20. Juni beendet worden. Seit Januar sind deutsche Soldaten zum Schutz der afghanischen Regierung in Kabul. Im Bundestag wird damit gerechnet, dass der Einsatz auch über Ende Dezember hinaus verlängert werden wird. Nach dem Bundestagsbeschluss darf die Obergrenze von 1200 Soldaten künftig im Bedarfsfall sowie während des Kontingentwechsels um bis zu 200 Soldaten überschritten werden.

 

Ergebnis der AGO Umfrage:

"Erhoffen Sie sich durch die Loja Jirga eine Bestätigung von Hamid Karsai als zukünftiger Regierungschef Afghanistans."

 

 

Professor is assigned task of rebuilding Afghanistan Afghan
leader Karzai picks Hopkins lecturer as new finance minister

Baltimore Sun
By Todd Richissin
June 20, 2002

Afghanistan's new leader selected Ashraf Ghani, an adjunct professor with the Johns Hopkins University, as his finance minister yesterday, assigning him the herculean task of rebuilding the country's shattered economy.

The appointment, made by Hamid Karzai and approved along with the rest of his new Cabinet by the grand council, comes in addition to another daunting task Ghani had already assumed: coordinating the hundreds of millions of dollars in financial help promised to rebuild Afghanistan. "My job," he said this week in a telephone interview from Kabul, "is to take our challenges from the talking stage to the implementation stage. That is enormous, this taking a country into the future."

To understand the scope of Ghani's task, consider the London Daily Telegraph's account of Karzai's return from a recent trip to friendly countries, where he went to accept financial help. Karzai, the newspaper wrote, shuttled back to Kabul not with a promise of funds to be wired but with briefcases crammed with cash: His country has had no real banking system.

Ghani, 51, was educated in Beirut, Lebanon, and New York and returned to Afghanistan in 1977 to become a professor of anthropology at Kabul University.

He fled during the Soviet invasion of 1979, took a position at Hopkins in 1983 and moved to Baltimore. He left for a job with the World Bank in Washington in 1991, though he retains his teaching title. He lectured at Hopkins in October.

His association with Karzai and his swift ascension to power began during a chance meeting toward the end of his full-time tenure at Hopkins, in 1990.

"It was my good fortune," Ghani said.

He had happened into an Afghan restaurant in Baltimore owned by Qayum Karzai, the brother of the man who would become president. They began talking, and Ghani, based only on Karzai's name, recognized where he was from and who his father had been. From there, the restaurateur and the professor quickly became friends.

When it became clear last fall that Hamid Karzai would play a major role in the new government of Afghanistan, Qayum Karzai, who was serving as an informal adviser to his brother, introduced him to Ghani.

Bombs that rained on Afghanistan during the assault on the Taliban blasted holes in schools, knocked out bridges and made roads impassable. And a working economy had scarcely existed before the bombing. The country needed an enormous amount of help.

By November, when Afghanistan's wobbly interim government was just being formed, Ghani had begun overseeing what passes for remarkable progress in his native country, lobbying for creation of the quasi-governmental Afghan Assistance Coordination Authority, then becoming its director.

He has proved himself a powerful strategist and administrator, becoming perhaps the most influential adviser to the Afghan president. Even before his appointment, Ghani had been responsible for both the long-term strategy and day-to-day operation of rebuilding efforts, a task complicated by a need to solicit international funds while trying to recapture and maintain some Afghan autonomy.

As director of the assistance agency, Ghani's primary job has been to coordinate the rebuilding of Afghanistan. He is expected to bring the agency, or some form of it, into his Cabinet ministry.

About $1.5 billion has been pledged this year to help Afghanistan rebuild from the years of Taliban rule, the bombings that drove them out and the spring earthquake that brought more misery to a country that had already endured so much.

"We can point to progress," Ghani said. "The challenge now is to improve the living conditions each day."

The progress has been the patching of roads, crude repairs to bridges, new roofs on schools. More permanent improvements are to come later, or so the hope goes. In the meantime, the quick fixes are creating jobs and the country is becoming increasingly functional, according to Ghani, relief agencies and journalists who remain there.

Mukesh Kapila, a British official working with the United Nations and Ghani to rebuild Afghanistan, said Ghani's structure for funneling international aid has been greeted enthusiastically by donor countries.

Never in his experience, Kapila says, has such a system been set up so quickly. Not in Sierra Leone. Not in the Balkans.

"It's really been quite remarkable. In a normal country, you'd have the government ... providing the coordination," he said. "Because Afghanistan had no government, Ghani's vision and leadership was recognized early and put to use bringing a sense of purpose and coordination to the efforts."

Born in Logar, east of Kabul, Ghani is a Pashtun, the majority ethnic group in Afghanistan.

Aside from maintaining consistency in rebuilding efforts, Ghani's appointment as finance minister was seen partly as a move to quell disagreements from some delegates to the loya jirga, or grand council, who had objected that ethnic Tajiks were dominating the Cabinet.

"He has a passion for Afghanistan that's unmatched and sees an opportunity for real success," said Barnett R. Rubin of the Center on International Cooperation at New York University, who worked with Ghani while he was at the World Bank. "I think in a way he feels he doesn't know how much time he has to live and that he has to do this very quickly."

Ghani is not in perfect health. He lost part of his stomach to cancer several years ago. His immune system is weak. He rarely sleeps more than four hours a night. He considers the work, though, well worth the tax on his health.

The work, in a country that for decades has known no real central government outside of Kabul, required some adapting.

"He's always been to the point - maybe too quick to the point," said his brother, Hashmat Ghani, reached in Kabul. Ashraf Ghani's wife, Rula, and son, Tarek, are also in Afghanistan while his daughter, Mariam, remains in New York.

Other acquaintances are more blunt: Ashraf Ghani, they say, has long been more likely to speak than to listen, more likely to tell people how things are going to be rather than try to sell them on his ideas.

He agrees.

"Do they want me to suffer fools gladly? I can't," he says with a laugh. "Honestly, there are no fools here. I suppose I have learned to reflect more. You have to accept criticism and not take any criticism personally and then show that you accept the criticism when it's valid. That's really a secret to self-improvement. When wrong, quickly acknowledge you're wrong."

His first days back in Afghanistan were spent in a dusty, bomb-damaged home, no electricity, no water. He said he could not complain. "Those are the conditions that the majority of my people were living under, and many still are," he says.

His education was paid for by other Afghans - he had full scholarships to study abroad. So, even if he did not have great affection for his country, he said, he would be back helping, out of a sense of duty.

"I've come back to pay my dues," he said. "I hope my assistance is judged relevant by my people and that it is truly helpful."

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